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Vereinigtes Königreich: Fernbeziehung

Der Urlaub in England in diesem Sommer steht schon fast komplett fest. Interrail wäre möglich gewesen. Über ein Erasmus-Auslands-Semester habe ich auch schon einmal nachgedacht. London habe ich geliebt, als ich zum ersten Mal mit dem Schüleraustausch dort war. Doch wenn das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union austritt, brauche ich dann sogar ein Visum, um England, Nordirland, Schottland oder Wales zu besuchen.

Brexit

Wie ungerecht demokratische Entscheidungen manchmal erscheinen, macht der Brexit deutlich. Die Mehrheit des UK stimmte für den Austritt aus der EU, doch das Wahlergebnis ist prozentual sehr knapp und in keinem einzigen Wahlkreis von Schottland erreichten die Befürworter des Brexit eine Mehrheit. Das finde ich schon mal ganz schön schmerzlich. Doch dass es bei dieser Abstimmung um die Zukunft von uns allen als EU-Bürger geht, macht es noch unglaublicher.


Im Netz gehen die Debatten los, wie es so weit kommen konnte, ob die Briten sich der Folgen überhaupt bewusst sind und welche Gruppen dafür oder dagegen waren. Wir scheinen uns aber alle einer Meinung zu sein und betrauern diese Entscheidung:

Über Jahre hinweg ist es überall in Europa Mode gewesen, die EU als nationalen Sündenbock zu verkaufen und möglichst alle schmerzhaften Entscheidungen Brüssel anzulasten. […] [Deutsche] Politiker haben sich im Zweifelsfall immer für den leichten Weg entschieden […]. Natürlich war die EU nie perfekt, […] aber wenn wir eines Tages wieder in einem Europa der Nationalstaaten leben, und das große europäische Projekt nur noch eine wehmütige Notiz in den Geschichtsbüchern ist, dann werden wir vielleicht erkennen, […] wie viel wir tatsächlich verloren haben.“
─ Christian Schlumpberger (mit freundlicher Genehmigung)

Ich glaube, dass ein Brexit für uns sehr schlimm ist, weil diese Entscheidung eben nicht nur wirtschaftliche Auswirkungen, sondern auch Folgen für den internationalen Austausch haben wird.

Was die EU für unsere Generation bedeutet

Ich habe die EU vor dem Brexit nicht so sehr idealisiert. Den Gedanken, dass „fremde“ Länder in die Politik „meines“ Landes eingreifen, finde ich oft befremdlich. Wenn es heißt, man fühle sich als junger Mensch mehr als EU-Bürger als ein Staatsbürger des einzelnen Landes, denke ich trotzdem noch gegenteilig. Dennoch definieren wir Jüngeren uns auch als global citizens und von diesem Standpunkt aus bedeutet die EU für mich, in Frieden aufwachsen gedurft zu haben. Mit internationalem Austausch und Völkerverständigung: Ohne Grenzen und mit wenigen Barrieren.

Ich hoffe zur Zeit noch, dass Schottland und Nordirland in der EU bleiben können (Keine Eile, Brüssel!), deswegen sage ich: Schade, dass ihr gehen möchtet, England und Wales! Dies hat unvorhersehbare wirtschaftliche Auswirkungen, aber darüber hinaus führen wir dann gefühlt plötzlich eine Fernbeziehung. Bildungsmöglichkeiten wie beispielsweise durch Erasmus begünstigte Auslands-Semester, fallen weg ─ ein Aspekt, den sicher auch die 75% der 16- bis 24-Jährigen bedacht haben. Selbst Auslandsaufenthalte werden schwerer, wenn man nun als EU-Bürger wieder für das Vereinigte Königreich beispielsweise ein Arbeits-Visum beantragen muss, wenn man dort arbeiten möchte. So werden wir in Zustände zurückkatapultiert, die eigentlich lange Geschichte waren.

Let’s be Friends instead.


Dass rechtspopulistische Stimmen nun immer lauter werden, weil sie sich in der Mehrheit sehen, ist so erschreckend. Die weltweite Radikalisierung macht mir Angst. Wie kann man den Frieden, den man hat, nicht zu schätzen wissen? Das internationale Mitmischen der EU in nationalen Angelegenheiten (Fernseh-Beitrag, Autobahnmaut, Geschwindigkeitsbegrenzung) finde ich manchmal auch nicht sonderlich toll, aber das wäre zunächst kein Grund für mich, für einen Austritt aus der Europäischen Union abzustimmen. Die Beschlüsse der EU bergen auch sehr viel Gutes, wie zum Beispiel die Handelszone generell und auch die Bemühungen gegen Diskriminierung und für Gleichbehandlung (wobei es bei der Umsetzung solcher Richtlinien noch ordentlich hakt). Dass man zusammen mit seinen Nachbarn eine Lösung für Krisen wie die Finanzkrise Griechenlands oder die Einwanderung von Flüchtlingen sucht, ist rational und fortschrittlich, wie es meiner Meinung nach dem 21. Jahrhundert gerecht wird.

In der EU geht es nicht darum, seine Nationalität aufzugeben, sondern hoffentlich sinnvolle Regelungen dazuzubekommen und eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Die im EU-Parlament geführten Verhandlungen sichern unseren Frieden. In einer globalisierten Welt können wir nur gemeinsam unsere Ziele erreichen, denn sonst besteht unsere Zukunft aus Isolation.


Denkanstöße

Ich möchte noch weitere Kommentare zum Brexit aus der Sicht unserer Generation weiterempfehlen. Zunächst ist da der Artikel von Judith (im gegenteil), in dem sie schreibt, wie fern die Vorstellung eines Brexits lag. Wie Filterblasen uns statt einer öffentlichen Mehrheitsmeinung nur beweisen, dass wir gleich denkende Freunde haben. Welche Vorteile die EU für internationalen Austausch hatte. Und dass wir eigentlich Freiheit und Frieden haben wollen, dafür aber auch unbedingt mehr tun müssen!

Im Kommentar „Unsere Generation braucht die EU – weil wir die Zukunft sind“ beschreibt Anna (annasnotizblog) perfekt, wie fortschrittlich sie die EU empfindet und welch ein Rückschlag der Brexit sei. Und dass unsere Generation allem voran doch für Toleranz stehen will.

Jana (bekleidet) hat sehr spannend dargestellt, welcher Humbug vor der Wahl zum Brexit erzählt wurde und wie sie über Volksentscheide denkt: „Wenn viele Menschen etwas Dummes tun.“

Außerdem hat Jasmin (tea&twigs) Meinungen in ihrem Umfeld gesammelt, da ihre Freunde in London direkt betroffen sind: „When Politics Break Your Heart.“

Was für Auswirkungen der Brexit für Studenten hat, kann man zum Beispiel hier bei „The Telegraph“ nachlesen.

Und was denkt ihr?
Habt ihr auch über den Brexit geschrieben? Hinterlasst mir einen Link in den Kommentaren. (:

7 Gedanken zu “Vereinigtes Königreich: Fernbeziehung

  1. Seh ich absolut auch so und wenn die EU noch lange nicht perfekt funktioniert, ist sie doch die beste Zukunftschance, die wir haben. Ich hoffe immer noch auf das Beste und dass es gar nicht erst zum Brexit kommt.
    Viele Grüße
    Maria

    1. Hallo Maria,
      schön dass wir einer Meinung sind 🙂 Ich hoffe auch, dass es irgendwie klappt, dass sie in der EU bleiben. Schon erschreckend, wenn man bedenkt, dass jetzt über viele das Böse Erwachen hereingebrochen ist… Drücken wir mal die Daumen 😉
      LG, Jean

  2. Das ist wirklich schockierend, wie nicht nur Großbritannien, sondern auch so viele andere Länder momentan gespalten sind! Sieht man sich alleine Österreich, die USA und auch Deutschland an. Was ist nur los? Ich finde das mit dem Brexit unglaublich schade und unfair gegenüber den jungen Briten.

    1. Hallo Laura,
      ich denke an genau die Länder, die du auch genannt hast! Die Sprache und der Umgang werden immer radikaler und schärfer… Sehr schlimme Entwicklung derzeit!
      Die jungen Briten tun mir auch unsagbar Leid. Wenn das in Deutschland passiert wäre, könnte ich das auch nicht fassen. Das ist unsere Zukunft!
      Liebe Grüße, Jean

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